Einführung in die Semantik

Okuma Süresi:7 Dakika, 13 Saniye

Zeichentypologie Modelle des sprachlichen Zeichens

Zeichentypologie

Zeichen können auf unterschiedliche Weise und nach verschiedenen Kriterien klassifiziert werden. Für unsere Zwecke von besonderer Wichtigkeit sind die Zeichentypen, die sich aus der Natur der Beziehung zwischen einem Zeichen und seinen Denotat ergeben:

Ikone (Sg. Ikon, ikonische Zeichen)

Indizes (indexikalische Zeichen: Anzeichen und Symptome)

Symbole (arbiträre bzw. konventionelle Zeichen)

Zeichen als Ikon

Definition Ikon

Ein Ikon (adj. ikonisch, vom griechischen Wort εικων [eiko:n] ‘Bild, Ebenbild’ abgeleitet) ist ein Zeichen, das aufgrund von bildhafter Ähnlichkeit oder Analogie mit dem Denotat gebildet wird. Diese Ähnlichkeit kann visuell,
akustisch oder anders bedingt sein. Typische Beispiele sind die Pikto-gramme, die heute weithin zur Erleichterung der internationalen Kommunikation verwendet werden und Ikone in diesem Sinne sind. Ein stilisierter Rollstuhl z.B. verweist auf besondere Einrichtungen für Behinderte etc.

Zeichen als Ikon: Bilder, Diagramme, Metaphern

Ein Ikon besitzt nicht alle Eigenschaften seines Denotats, d.h. es gibt Grade von Ikonizität.

Peirce unterscheidet drei Arten von Ikonen, und zwar Bilder (Fotographien, Zeichnungen), die ihrem Gegenstand in
einigen Merkmalen gleichen, Diagramme, die Beziehungen zwischen dessen Teilen wiedergeben (z.B. ein Lageplan)

Metaphern, in denen sich eine allgemeinere Parallelität widerspiegelt.

Ikone in diesem Sinne wären dann auch die Diagramme, die beispielsweise in der Syntax zur Darstellung der Satzstruktur verwendet werden. Als Baumdiagramme sind sie einerseits Diagramme im Peirceschen Sinne, andererseit auch Metaphern.

Zeichen als Ikon: Bild – Diagramm

Zeichen als Ikon – Onomatopoetika

Ikone unterschiedlicher Ikonizität von Lautnachahmung bis Lautsymbolik sind auch lautmalende Wörter (Onomatopoetika) wie kikeriki, mäh-mäh, miau, wau-wau, Kuckuck einerseits und lautmalende Nachschöpfungen wie gurren, grunzen, knurren, surren, gackern, blöken, rieseln, flitzen, Blitz, Gruft, Höhle andererseits. (Bei Kuckuck wird allerdings nicht der Laut bezeichnet, sondern das Tier, das den Laut hervorbringt).

Zeichen als Index oder Symptom

Definition Index

Ein Index (Pl. Indizes, Adj. indexikalisch) ist ein Zeichen, das durch eine direkte reale (z.B. kausale) Beziehung zwischen einem “Anzeichen” und einem Objekt konstituiert wird. Beispiele:

Rauch ist ein Anzeichen von Feuer

dunkle Wolken ein Anzeichen für bevorstehenden Regen

eine Windfahne zeigt die Windrichtung an

der Moosbewuchs eines Baumes weist auf die Wetterseite

Je nach Art der Beziehung können weitere Unterarten von Indizes unterschieden werden. So gibt es beispielsweise einen Untertyp, der nicht nur auf die Existenz eines Objekts hinweist, sondern vielmehr auf einen besonderen Zustand, in dem sich das Objekt befindet. Solche Zeichen werden Symptome genannt.

Zeichen als Index oder Symptom

Definition Symptom

Ein Index, der auf einen besonderen Zustand eines Objektes oder einer Situation verweist, wird Symptom genannt. Beispiele:

Fieber als Symptom für Krankheit

Lallen als Symptom für Trunkenheit

Indizes fehlt im Vergleich zu anderen Zeichentypen (Ikon und Symbol) meist das Merkmal der Intentionalität, d.h. sie werden nicht absichtlich als Zeichen gesetzt, sondern ergeben sich aus den Zusammenhängen der Situation, in der sie auftreten.

Motivierte Zeichen vs. Symbole

Ikone, Indizes und Symptome sind durch die Objekte, auf die sie verweisen, motiviert. In natürlichen Sprachen spielen diese Zeichentypen allerdings nur eine marginale Rolle.

Bei der Mehrheit aller sprachlichen Zeichen ist die Beziehung zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten völlig arbiträr (beliebig) bzw. konventionell (auf stillschweigender Übereinkunft beruhend) in dem Sinne, daß es keinen natürlichen (in der Natur des Gegenstandes liegenden) oder kausalen Zusammenhang zwischen der Zeichengestalt und dem Objekt gibt. Diese konventionellen Zeichen werden Symbole genannt.

Zeichen als Symbol

Definition Symbol

Zeichen sind Symbole (Adj. symbolisch), wenn die Beziehung zwischen ihnen und ihren Denotata arbiträr oder konventionell ist, oder sprachintern motiviert (z.B. Wortbildung).

Während zwischen Index und Objekt eine Folgebeziehung besteht und das Ikon eine Analogie mit dem Objekt hinsichtlich der Zeichengestalt aufweist, liegt zwischen Symbol und Objekt keine derartige Beziehung vor. Sprachliche Zeichen sind in diesem Sinne generell symbolische Zeichen

Modelle des sprachlichen Zeichens

Bisher haben wir Zeichen im allgemeinen Sinne der Semiotik behandelt. Für uns von besonderem Interesse sind natürlich die Zeichensysteme natürlicher Sprachen. Wir wollen daher im folgenden kurz einige Zeichenmodelle besprechen, die für die Entwicklung der Sprachwissenschaft im vergangenen Jahrhundert von großer Bedeutung gewesen sind.

Das Zeichenmodell von de Saussure

Von größter Bedeutung für die Geschichte der neueren Sprachwissenschaft war das Zeichenmodell von Ferdinand de
Saussure.

Für de Saussure sind Zeichengestalt (image acoustique, Lautbild) und Begriff (concept) beide psychische Gegebenheiten, die in unserem Gehirn durch Assoziation eng miteinander verknüpft sind.

Diese Verknüpfung ist so eng, daß beide Elemente als zwei Seiten der gleichen Sache erscheinen, wie Vorder- und Rückseite eines Blatt Papiers oder die beiden Seiten einer Medaille. Lautbild und Begriff können sich gegenseitig evozieren. Die Präsenz des Lautbildes /baum:/ z.B. evoziert den damit assoziierten Begriff “Baum”, und umgekehrt (im Bild wird dies durch die beiden Pfeile ausgedrückt).

Das Zeichenmodell von Saussure

Im Gegensatz zu unserer bisherigen Verwendung von Zeichen
im Sinne von Zeichengestalt, verwendet de Saussure den
Begriff Zeichen (frz. signe) für die Assoziation von Lautbild und
Begriff. Für die beiden Komponenten des Zeichens schlägt er
die Bezeichnungen signifié (Begriff) und signifiant (Lautbild) vor,
die unmittelbar den bereits verwendeten Bezeichnungen
Signifikat und Signifikant entsprechen.

Baum

/baum/

Das Zeichenmodell von Saussure

Begriff

Lautbild

signifié

signifiant

Prinzip der Arbitrarität

Nach Saussure besitzt das Zeichen zwei wesentliche Eigenschaften, das der Arbitrarität und das der Linearität.

Die Eigenschaft der Arbitrarität haben wir bereits kennengelernt. Sie besagt, daß trotz der wechselseitigen Abhängigkeit von Signifikant und Signifikat (Ausdruck und Inhalt), diese Verbindung nichts Naturgegebenens ist. Sie ist vielmehr willkürlich oder arbiträr. Dabei ist willkürlich hier in dem Sinne zu verstehen, daß die Zeichenform (Ausdruck) in keiner Weise durch den Inhalt bestimmt ist und umgekehrt auch der Inhalt nicht aus der Form ableitbar ist.

Daß dies so ist, wird deutlich, wenn man die Ausdrücke in verschiedenen Sprachen für äquivalente Inhalte vergleicht: dt.
Baum /baum/, engl. tree /tri:/, frz. arbre /arbr@/, swahili mti, japanisch ki , arabisch ÑjVq /Sagar(at)/, russ. дерива /djeriv/ etc.

Das Prinzip der Arbitrarität gilt jedoch strikt nur bei den Basiswörtern einer Sprache, und auch da bilden die ikonischen
Zeichen eine Ausnahme.

Bei komplexen Zeichen, d.h. bei zusammengesetzten und abgeleiteten Wörtern (Komposita: Eisenbahn,
Sonnenuntergang; Ableitungen: Arbeiter, unmöglich), ist die Zuordnung von Inhalt und Ausdruck nicht völlig arbiträr.

Die Bedeutung komplexer Zeichen ist wenigstens partiell aus den Bedeutungen der Grundzeichen herleitbar. Die Assoziation zwischen dem Ausdruck und dem Inhalt solcher komplexen Zeichen ist relativ (zu den Grundwörtern) motiviert.

Das Prinzip der Arbitrarität spielt eine wichtige Rolle in der Logik der historisch vergleichenden Sprachwissenschaft, die den Prozeß der Veränderung von Sprache in der Zeit zum Gegenstand hat. Würde das Prinzip der Arbitrarität nicht gelten, dann wäre die Tatsache, daß Ausdruck und Inhalt sprachlicher Zeichen sich unabhängig voneinander verändern können, schwer zu erklären.

Andererseits können wir feststellen, daß die Zeichenformen von äquivalenten Zeicheninhalten in ganz verschiedenen Sprachen sehr große Ähnlichkeiten aufweisen können.

Nhd. = neuhochdeutsch; ai. = altindisch (Sanskrit); gr. = griechisch;
lat. = lateinisch; air. = altirisch; ahd. = althochdeutsch;
ae. = altenglisch; idg. = indogermanisch.

Prinzip der Linearität

Konventionalität

Arbitrarität bedeutet nicht, daß es in die freie Wahl Sprechers gestellt ist, welche Ausdrücke mit welchen Inhalten assoziiert werden, sondern daß ein Ausdruck nicht durch den Inhalt motiviert ist.

Linearität

Die primäre Ausdrucksform der Sprache ist die gesprochene Sprache. Da Sprechen einen zeitlichen Ablauf hat, folgt daraus, daß Sprache linear ist.

Bühlers Organonmodell

Das Zeichenmodell von Karl Bühler zeichnet sich dadurch aus, daß es bestimmte Zeichenfunktionen von vornherhein mit einbezieht. Bühlers Organonmodell ist als Zeichenmodell zugleich schon ein Kommunikationsmodell.

Bühler bezieht sich bei der Vorstellung seines Modells auf Plato, der im Dialog Kratylos sagen läßt, die Sprache sei ein organon didaskalein, d.h. “ein Werkzeug, womit einer dem anderen etwas mitteilt über die Dinge.” Daher der Name
“Organon-Modell”.

Die drei grundlegenden Funktionen, die jedes Sprachliche Zeichen hat, sind Ausdruck, Darstellung und Appell.

Nehmen wir folgende Kommunikationssituation an: Vater und Sohn befinden sich in einem Zimmer. Der Vater
äußert das “Schallphänomen” /es ‘tsi:t/. Daraufhin geht der Sohn zum offenen Fenster und schließt es. Das Schallphänomen ist als Zeichen:

(1)
Symbol: Es stellt den Sachverhalt “im Zimmer ist ein Luftzug” dar
(Darstellungsfunktion);

(2)
Symptom: Es kann den inneren Zustand des Sprechers ausdrücken (“der Luftzug ist mir unangenehm”, Ausdrucksfunktion);

(3)
Signal: “Ich wünsche, daß der unangenehme Zustand beseitigt wird” (Appellfunktion).

Bühler erklärt sein Zeichenmodell selbst wie folgt:

Der Kreis in der Mitte symbolisiert das konkrete Schallphänomen. Drei variable Momente an ihm sind berufen, es dreimal verschieden zum Rang eines Zeichens zu erheben. Die Seiten des eingezeichneten Dreiecks symbolisieren diese drei Momente. Das Dreieck umschließt in einer Hinsicht weniger als der Kreis (Prinzip der abstraktiven Relevanz). In anderer Richtung wieder greift es über den Kreis hinaus, um anzudeuten, daß das sinnlich Gegebene stets eine apperzeptive Ergänzung erfährt. Die Linienscharen symbolisieren die semantischen Funktionen des (komplexen) Sprachzeichens. Es ist Symbol kraft seiner Zuordnung zu Gegenständen und Sachverhalten, Symptom (Anzeichen, Indicium) kraft seiner Abhängigkeit vom Sender, dessen Innerlichkeit es ausdrückt, und Signal kraft seines Appells an den Hörer, dessen äußeres oder inneres Verhalten es steuert wie andere Verkehrszeichen. (Bühler 1934: 28).

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