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🏷️ Zeichentypologie und Modelle des sprachlichen Zeichens
📊 Zeichentypologie
Zeichen können auf unterschiedliche Weise und nach verschiedenen Kriterien klassifiziert werden. Für unsere Zwecke von besonderer Wichtigkeit sind die Zeichentypen, die sich aus der Natur der Beziehung zwischen einem Zeichen und seinen Denotat ergeben:
- ► Ikone
- ► Indizes
- ► Symbole
🖼️ Zeichen als Ikon
Definition Ikon
Ein Ikon ist ein Zeichen, das aufgrund von bildhafter Ähnlichkeit oder Analogie mit dem Denotat gebildet wird. Diese Ähnlichkeit kann visuell, akustisch oder anders bedingt sein. Typische Beispiele sind die Piktogramme, die heute weithin zur Erleichterung der internationalen Kommunikation verwendet werden und Ikone in diesem Sinne sind. Ein stilisierter Rollstuhl z.B. verweist auf besondere Einrichtungen für Behinderte etc.
🎨 Einführung in die Semantik: Zeichen als Ikon
Bilder, Diagramme, Metaphern
- Ein Ikon besitzt nicht alle Eigenschaften seines Denotats, d.h. es gibt Grade von Ikonizität.
- Peirce unterscheidet drei Arten von Ikonen, und zwar:
- ► Bilder, die ihrem Gegenstand in einigen Merkmalen gleichen,
- ► Diagramme, die Beziehungen zwischen dessen Teilen wiedergeben,
- ► Metaphern, in denen sich eine allgemeinere Parallelität widerspiegelt.
- Ikone in diesem Sinne wären dann auch die Diagramme, die beispielsweise in der Syntax zur Darstellung der Satzstruktur verwendet werden. Als Baumdiagramme sind sie einerseits Diagramme im Peirceschen Sinne, andererseits auch Metaphern.
🗺️ Einführung in die Semantik: Zeichen als Ikon
Bild – Diagramm
🔊 Zeichen als Ikon – Onomatopoetika
Ikone unterschiedlicher Ikonizität von Lautnachahmung bis Lautsymbolik sind auch lautmalende Wörter wie kikeriki, mäh-mäh, miau, wau-wau, Kuckuck einerseits und lautmalende Nachschöpfungen wie gurren, grunzen, knurren, surren, gackern, blöken, rieseln, flitzen, Blitz, Gruft, Höhle andererseits. Bei Kuckuck wird allerdings nicht der Laut bezeichnet, sondern das Tier, das den Laut hervorbringt.
💨 Einführung in die Semantik: Zeichen als Index oder Symptom
Definition Index
Ein Index ist ein Zeichen, das durch eine direkte reale Beziehung zwischen einem “Anzeichen” und einem Objekt konstituiert wird. Beispiele:
- ► Rauch ist ein Anzeichen von Feuer
- ► dunkle Wolken ein Anzeichen für bevorstehenden Regen
- ► eine Windfahne zeigt die Windrichtung an
- ► der Moosbewuchs eines Baumes weist auf die Wetterseite
Je nach Art der Beziehung können weitere Unterarten von Indizes unterschieden werden. So gibt es beispielsweise einen Untertyp, der nicht nur auf die Existenz eines Objekts hinweist, sondern vielmehr auf einen besonderen Zustand, in dem sich das Objekt befindet. Solche Zeichen werden Symptome genannt.
🤒 Einführung in die Semantik: Zeichen als Index oder Symptom
Definition Symptom
Ein Index, der auf einen besonderen Zustand eines Objektes oder einer Situation verweist, wird Symptom genannt. Beispiele:
- ► Fieber als Symptom für Krankheit
- ► Lallen als Symptom für Trunkenheit
Indizes fehlt im Vergleich zu anderen Zeichentypen meist das Merkmal der Intentionalität, d.h. sie werden nicht absichtlich als Zeichen gesetzt, sondern ergeben sich aus den Zusammenhängen der Situation, in der sie auftreten.
🔤 Zeichen als Symbol
Ikone, Indizes und Symptome sind durch die Objekte, auf die sie verweisen, motiviert. In natürlichen Sprachen spielen diese Zeichentypen allerdings nur eine marginale Rolle.
Bei der Mehrheit aller sprachlichen Zeichen ist die Beziehung zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten völlig arbiträr bzw. konventionell in dem Sinne, daß es keinen natürlichen oder kausalen Zusammenhang zwischen der Zeichengestalt und dem Objekt gibt.
Diese konventionellen Zeichen werden Symbole genannt.
🏳️ Definition Symbol
Zeichen sind Symbole, wenn die Beziehung zwischen ihnen und ihren Denotata arbitrar oder konventionell ist, oder sprachintern motiviert.
Während zwischen Index und Objekt eine Folgebeziehung besteht und das Ikon eine Analogie mit dem Objekt hinsichtlich der Zeichengestalt aufweist, liegt zwischen Symbol und Objekt keine derartige Beziehung vor.
Sprachliche Zeichen sind in diesem Sinne generell symbolische Zeichen.
🧠 Einführung in die Semantik: Das Zeichenmodell von de Saussure
Bisher haben wir Zeichen im allgemeinen Sinne der Semiotik behandelt. Für uns von besonderem Interesse sind natürlich die Zeichensysteme natürlicher Sprachen. Wir wollen daher im folgenden kurz einige Zeichenmodelle besprechen, die für die Entwicklung der Sprachwissenschaft im vergangenen Jahrhundert von großer Bedeutung gewesen sind.
Von größter Bedeutung für die Geschichte der neueren Sprachwissenschaft war das Zeichenmodell von Ferdinand de Saussure.
- ► Für de Saussure sind Zeichengestalt und Begriff beide psychische Gegebenheiten, die in unserem Gehirn durch Assoziation eng miteinander verknüpft sind.
- ► Diese Verknüpfung ist so eng, daß beide Elemente als zwei Seiten der gleichen Sache erscheinen, wie Vorder- und Rückseite eines Blatt Papiers oder die beiden Seiten einer Medaille. Lautbild und Begriff können sich gegenseitig evozieren. Die Präsenz des Lautbildes /baum:/ z.B. evoziert den damit assoziierten Begriff “Baum”, und umgekehrt.
🔄 Das Zeichenmodell von Saussure
Im Gegensatz zu unserer bisherigen Verwendung von Zeichen im Sinne von Zeichengestalt, verwendet de Saussure den Begriff Zeichen für die Assoziation von Lautbild und Begriff. Für die beiden Komponenten des Zeichens schlägt er die Bezeichnungen signifié und signifiant vor, die unmittelbar den bereits verwendeten Bezeichnungen Signifikat und Signifikant entsprechen.
⚖️ Prinzip der Arbitrarität
Nach Saussure besitzt das Zeichen zwei wesentliche Eigenschaften, das der Arbitrarität und das der Linearität.
Die Eigenschaft der Arbitrarität haben wir bereits kennengelernt. Sie besagt, daß trotz der wechselseitigen Abhängigkeit von Signifikant und Signifikat, diese Verbindung nichts Naturgegebenens ist. Sie ist vielmehr willkürlich oder arbiträr. Dabei ist willkürlich hier in dem Sinne zu verstehen, daß die Zeichenform in keiner Weise durch den Inhalt bestimmt ist und umgekehrt auch der Inhalt nicht aus der Form ableitbar ist.
Daß dies so ist, wird deutlich, wenn man die Ausdrücke in verschiedenen Sprachen für äquivalente Inhalte vergleicht: dt. Baum /baum/, engl. tree /triː/, frz. arbre /ˈɑːbɹe/, swahili mti, japanisch ki, arabisch /ˈɑːbɹiːvɑːtʃə/, russ. дерива /ˈdʲerʲivə/ etc.
🔍 Prinzip der Arbitrarität
Das Prinzip der Arbitrarität gilt jedoch strikt nur bei den Basiswörtern einer Sprache, und auch da bilden die ikonischen Zeichen eine Ausnahme.
Bei komplexen Zeichen, d.h. bei zusammengesetzten und abgeleiteten Wörtern, ist die Zuordnung von Inhalt und Ausdruck nicht völlig arbitrar.
Die Bedeutung komplexer Zeichen ist wenigstens partiell aus den Bedeutungen der Grundzeichen herleitbar. Die Assoziation zwischen dem Ausdruck und dem Inhalt solcher komplexen Zeichen ist relativ motiviert.
📜 Prinzip der Arbitrarität
Das Prinzip der Arbitrariat spielt eine wichtige Rolle in der Logik der historisch vergleichenden Sprachwissenschaft, die den Prozeß der Veränderung von Sprache in der Zeit zum Gegenstand hat. Würde das Prinzip der Arbitrariat nicht gelten, dann wäre die Tatsache, daß Ausdruck und Inhalt sprachlicher Zeichen sich unabhängig voneinander verändern können, schwer zu erklären.
Andererseits können wir feststellen, daß die Zeichenformen von äquivalenten Zeicheninhalten in ganz verschiedenen Sprachen sehr große Ähnlichkeiten aufweisen können.
📊 Prinzip der Arbitrarität
| Nhd. | ai. | gr. | lat. | air. | ahd. | ae. | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| ‘Mutter’ | mātā | māter | māthir | muoter | mōdor | ||
| ‘Vater’ | pitā | pater | athir | fater | ā ‘ā’ ā | ||
| ‘Bruder’ | bhrātā | brāthir | brāthir | bruoder | āō ā ā |
Nhd. = neuhochdeutsch; ai. = altindisch; gr. = griechisch; lat. = lateinisch; air. = altirisch; ahd. = althochdeutsch; ae. = altenglisch; idg. = indogermanisch.
➡️ Einführung in die Semantik: Prinzip der Linearität und Konventionalität
- Arbitrarität bedeutet nicht, daß es in die freie Wahl Sprechers gestellt ist, welche Ausdrücke mit welchen Inhalten assoziiert werden, sondern daß ein Ausdruck nicht durch den Inhalt motiviert ist.
- Linearität: Die primäre Ausdrucksform der Sprache ist die gesprochene Sprache. Da Sprechen einen zeitlichen Ablauf hat, folgt daraus, daß Sprache linear ist.
🗣️ Bühlers Organonmodell
Das Zeichenmodell von Karl Bühler zeichnet sich dadurch aus, daß es bestimmte Zeichenfunktionen von vornherein mit einbezieht. Bühlers Organonmodell ist als Zeichenmodell zugleich schon ein Kommunikationsmodell.
Bühler bezieht sich bei der Vorstellung seines Modells auf Plato, der im Dialog Kratylos sagen läßt, die Sprache sei ein organon didaskalein, d.h. “ein Werkzeug, womit einer dem anderen etwas mitteilt über die Dinge.” Daher der Name “Organon-Modell”.
Die drei grundlegenden Funktionen, die jedes sprachliche Zeichen hat, sind Ausdruck, Darstellung und Appell.
🏠 Einführung in die Semantik: Bühlers Organonmodell
Nehmen wir folgende Kommunikationssituation an: Vater und Sohn befinden sich in einem Zimmer. Der Vater äußert das “Schallphänomen” /es ‘tsi:t/. Daraufhin geht der Sohn zum offenen Fenster und schließt es. Das Schallphänomen ist als Zeichen:
- Symbol: Es stellt den Sachverhalt “im Zimmer ist ein Luftzug” dar.
- Symptom: Es kann den inneren Zustand des Sprechers ausdrücken “der Luftzug ist mir unangenehm”.
- Signal: “Ich wünsche, daß der unangenehme Zustand beseitigt wird”.
📐 Bühlers Organon-Modell
- Gegenstände und Sachverhalte
- Darstellung
- Ausdruck
- Z
- Appell
- Sender
- Empfänger
📝 Bühlers Organonmodell
Bühler erklärt sein Zeichenmodell selbst wie folgt:
- Der Kreis in der Mitte symbolisiert das konkrete Schallphänomen. Drei variable Momente an ihm sind berufen, es dreimal verschieden zum Rang eines Zeichens zu erheben. Die Seiten des eingezeichneten Dreiecks symbolisieren diese drei Momente. Das Dreieck umschließt in einer Hinsicht weniger als der Kreis. In anderer Richtung wieder greift es über den Kreis hinaus, um anzudeuten, daß das sinnlich Gegebene stets eine apperzeptive Ergänzung erfährt. Die Linienscharen symbolisieren die semantischen Funktionen des Sprachzeichens. Es ist Symbol kraft seiner Zuordnung zu Gegenständen und Sachverhalten, Symptom kraft seiner Abhängigkeit vom Sender, dessen Innerlichkeit es ausdrückt, und Signal kraft seines Appells an den Hörer, dessen äußeres oder inneres Verhalten es steuert wie andere Verkehrszeichen.